Damit in der Trauer das Licht an bleibt

Quelle: Nicola Kriesel

Warum Selbstfürsorge für Trauerbegleitende keine Kür ist

Wer andere durch die Dunkelheit der Trauer begleitet, braucht eine Taschenlampe, die zuverlässig leuchtet. Doch Hand aufs Herz: Wie oft merken wir erst, dass die Batterien leer sind, wenn wir selbst im Dunkeln stehen? In meinen Workshops bei Lavia zur Psychohygiene begegne ich immer wieder Kolleg:innen, die mit einer unglaublichen Hingabe arbeiten – und dabei vergessen, dass sie selbst ein Nervensystem haben, das auf das Leid der anderen reagiert.

Der Sog des Traumas: Wenn Nervensysteme sich „connecten“

Trauerbegleitung ist Beziehungsarbeit. Unsere Spiegelneuronen ermöglichen uns Empathie – sie lassen uns fühlen, was unser Gegenüber fühlt. Das ist ein Geschenk für die Begleitung, aber auch ein Risiko. Es kann erschöpfend sein, wenn wir immer wieder fühlen, was das Gegenüber fühlt.

In solchen Momenten ist es entscheidend, den Unterschied zwischen Einfühlung und Mitgefühl zu kennen. Während wir uns in der Einfühlung oft verlieren, erlaubt uns das Mitgefühl eine wohlwollende Verbindung, bei der wir klar zwischen den Gefühlen des anderen und unseren eigenen unterscheiden können.

Und: In der Trauerbegleitung begegnen wir oft auch Trauma. Trauma hat einen Sog; traumatisierte Nervensysteme “erkennen” einander und verbinden sich. Dein Gegenüber fühlt sich tief verstanden, du fühlst dich verbunden und plötzlich findest du dich in deiner eigenen Geschichte wieder, wo du eigentlich begleiten willst. Dann ist es wichtig, zu wissen wie du dich regulierst, so dass du wieder bei der trauernden Person sein kannst.

Selbstfürsorge ist das Management deiner Resilienz

Resilienzblume

Vergessen wir das Klischee vom entspannenden Schaumbad. In unserem Feld bedeutet Selbstfürsorge vor allem Abgrenzungsfähigkeit. Es ist das aktive Management deiner Ressourcen, um einer Empathie-Erschöpfung oder gar einer sekundären Traumatisierung vorzubeugen.

  • Selbstfürsorge ist der Brennstoff (das, was du tust: Supervision, Pausen, Bewegung).
  • Resilienz ist der Motor, der dich durch unwegsames Gelände bringt.

Wir können diesen Motor pflegen, indem wir unsere Resilienzfaktoren stärken – etwa durch radikale Akzeptanz der Dinge, die wir nicht ändern können, oder durch eine bewusste Netzwerkorientierung, die uns im Team auffängt.

Erste Hilfe, wenn das Nervensystem in Aufruhr ist

Was tun, wenn eine Begleitung dich „eingesogen“ hat? Wenn die Gedanken rasen oder du dich innerlich wie erstarrt fühlst? Hier helfen keine komplexen Theorien, sondern sofortige körperliche Regulation:

  • Der Trick ist zu atmen: Nutze die SOS-Atmung. Atme zum Beispiel auf 4 Zähler ein, halte die Luft auf 4 Zähler, atme auf 4 Zähler aus, halte die Luft auf 4 Zähler– wiederhole das so lange, bis dein Nervensystem sich wieder gefangen hat.
  • Körperlicher Check-in: Trinke ein Glas kaltes Wasser, bewege dich, schüttle den Stress ab oder umarme – wenn möglich – einen Baum, um die Verbindung zur Erde wieder zu spüren.
  • Die 5-4-3-2-1 Methode: Wenn du feststeckst: nenne 5 Dinge, die du siehst, 4, die du anfassen kannst, 3 Dinge die du hörst, 2 Dinge die du riechst bis hin zu einem Ding, das du schmeckst. Das holt dich sofort zurück ins Hier und Jetzt. Es gibt deinem Hirn etwas zu tun.

All dies sind “Maßnahmen”, die du auch mit Trauernden machen kannst, wenn sie sehr “außer sich” sind.

Mein Versprechen an mich selbst

Selbstfürsorge ist letztlich ein Versprechen an dich selbst: deine Ressourcen so zu pflegen, dass das Licht, mit dem du anderen leuchtest, nicht ausbrennt. Es geht darum, deinen eigenen Bedürfnissen mit der gleichen Ernsthaftigkeit zu begegnen wie denen deiner Klient*innen.

Welche Kraftquelle hast du heute schon angezapft? Vielleicht ist es Zeit für ein tiefes Durchatmen – genau jetzt.


Nicola aktuell

Nicola Kriesel arbeitet im Team von SOCIUS, sie ist Trauerbegleiterin, Organisationsentwicklerin und Mediatorin. Ihre Schwerpunkte liegen in der Trauerarbeit in Organisationen und Teams und der Stärkung von Trauerbegleitenden. Seit Oktober 2025 ist sie bei der Trauer Taskforce.


Weiterführende Literatur:

Charf, Dami (2018): Auch alte Wunden können heilen: Wie Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wie wir zu uns selbst zurückfinden. München: Kösel-Verlag. www.traumaheilung.de

Porges, Stephen W. (2011): The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-regulation. New York: Norton & Company. https://www.stephenporges.com/

Singer, Tanja & Klimecki, O. M. (2014): Empathy and compassion. In: Current Biology, 24(18), R875-R878. https://www.compassion-training.org/

Kriesel, Nicola (2024/25): Kann Trauer krank machen? & Trauer im Team.

Teilen hilft
👉 Teile den Beitrag auf Social Media oder sende ihn an jemanden weiter, dem er gut tun könnte.
Inhalt

TTF Crew Autor*in

Nicola Kriesel | zur Crewseite |

Ciao Mythen und Märchen!
Hallo echtes Trauerwissen!

siehe auch

Geschwistertrauer

Der plötzliche Tod eines Menschen verändert alles – besonders, wenn es sich um ein Geschwister…

Werde jetzt Teil
der Crew!

Gemeinsam machen wir Trauer sichtbar und geben ihr den Platz, den sie verdient. Ob fachlich, privat oder als Unterstützer*in — hier ist Raum für Vernetzung und Engagement.

Mach mit. Gestalte Veränderung mit uns.

Zusammenarbeit?
Sehr gern.

Wir arbeiten mit Menschen und Organisationen zusammen, die Trauer nicht wegsortieren, sondern ihr Raum geben.

Du hast eine Idee oder ein Anliegen?
Sprich uns an.

Trauerbegleitungspartner von
Trauer Taskforce
mitmachen
© 2022 - 2025 Trauer Taskforce, Bo Hauer

Manchmal tut es gut, zu wissen, wer da ist.

Hinter diesen Beiträgen stehen echte Menschen – und echte Expert*innen.
Viele selbst betroffen, alle mit Herz und Haltung.
Wenn du magst: Schau vorbei. Vielleicht findest du genau die richtige Ansprechperson für dich.