Friedhöfe – Orte nur zum Trauern?

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Impression vom Friedhof. Foto: Antje Prussait

Ich war im vergangenen Oktober in Wien. Mein Flieger landete am frühen Nachmittag, ich bin direkt ins Hotel zum Einchecken und habe mich dann sofort in die Straßenbahn gesetzt, um den Wiener Zentralfriedhof zu besuchen.

Eine der größten Friedhofsanlagen Europas. Beeindruckende zweieinhalb Quadratkilometer groß – das entspricht in etwa der Größe des Diplomatenviertels in Bonn.

Riesig also.

Und wer da alles seine Grabstätte hat! Wahrscheinlich wissen viele, dass Falco dort seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Genauso wie der österreichische Politiker Bruno Kreisky oder Ludwig van Beethoven. Wirklich sehr beeindruckende Namen finden sich dort – und deren nicht minder beeindruckende Grabstätten.

Grabstätten Franz Schubert und Ludwig van Beethoven auf dem Wiener Zentralfriedhof. Fotos: Antje Prussait

Oft sind das richtige Monumente, ja, manchmal richtige Mausoleen. Und nicht nur bekannte oder berühmte Persönlichkeiten haben sich solche Grabstätten anlegen lassen, oft auch wohlhabende Wiener. Man hat so manches Mal den Eindruck, als ob es den Familien darum ging, die Grabstätten noch ein bisschen prunkvoller, noch ein bisschen auffälliger zu gestalten, als es für die „bekannten“ Persönlichkeiten getan wurde. Ich habe so manches Mal geschmunzelt, weil ich den Eindruck hatte, dass es weniger um die Verstorbenen ging – dafür aber mehr darum, „was die Leute denken“. Eitelkeiten hören halt auch am Grab nicht auf.

Was ich wirklich interessant fand, war die Geschichte des Wiener Zentralfriedhofes. Wien hatte bis ins 18. Jahrhundert hinein fünf Friedhöfe in den einzelnen Stadtteilen. Aber da sich die Bevölkerung rasant entwickelte, wurde die Anlage eines Zentralfriedhofes beschlossen. Das Ganze zog sich eine Weile hin, es gab Proteste wegen der Überkonfessionalität, es gab Proteste von religiösen Gemeinschaften wegen der Interkonfessionalität, es gab Proteste der Wiener Bevölkerung wegen der Kargheit der Anlage und der schlechten Erreichbarkeit – und am Anfang mochten die Wiener ihren Zentralfriedhof überhaupt nicht. Kann man wunderbar auf der Webseite zum Zentralfriedhof nachlesen – die habe ich hier verlinkt. Wikipedia hat auch noch spannende Informationen dazu.

Ich habe ja das Grabmal von Ludwig van Beethoven fotografiert – der wurde übrigens gar nicht dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt! Den gab es zum Zeitpunkt seines Todes 1827 noch gar nicht. Er wurde ursprünglich auf dem Währinger Ostfriedhof beigesetzt – und wurde erst 1888 in sein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof überführt. Solche Überführungen von berühmten Wiener Persönlichkeiten gab es einige!

Mehr als ein Ort der Trauer.

Aber das alles waren gar nicht die Gründe, warum ich mir in Wien als Erstes den Zentralfriedhof angeschaut habe.

Ich mag Friedhöfe.

Friedhof Weg 1

Die Ruhe, der Frieden, den man hier findet, oftmals mitten in der hektischen Betriebsamkeit der Großstädte, das ist unvergleichlich. Ich bin beruflich regelmäßig auf Friedhöfen und wenn die Trauerfeier vorbei ist, bleibe ich oft noch ein Weilchen dort. Setze mich auf eine Bank, lausche den Geräuschen und „komme runter“. Nicht umsonst findet sich das Wort „Frieden“ in Friedhof.

Ja, natürlich geht es auf Friedhöfen um die Totenruhe und den letzten Frieden, den die Menschen dort finden.

Aber für mich geht es um viel mehr als das.

Impression vom Friedhof. Foto: Antje Prussait


Friedhöfe sind erstaunlich oft bunte und schöne Orte, voll mit kleinen Überraschungen.  

Nicht nur Kindergräber werden oft bunt und fröhlich gestaltet!

Und wenn man genau hinschaut, verbirgt sich auf so mancher Grabstätte eine Kleinigkeit, die zum Schmunzeln anregt. Eine kleine, versteckte Putte zum Beispiel, die verschmitzt grinsend hinter einem Blumengesteck hervorschaut. Oder eine kleine Figur, die zwischen Blumen platziert wurde – und die man erst auf den zweiten Blick entdecken kann.

Orte der Erinnerung. Orte des Lebens.

Friedhöfe sind oft auch Orte lebendiger Geschichte, Orte aktiver Erinnerungskultur und Orte gegen das Vergessen. Viele Friedhöfe haben Ehrengräber für die Gefallenen Soldaten der vergangenen Kriege. Auf vielen Friedhöfen wird dem Holocaust und der Opfer des Nationalsozialistischen Regimes gedacht. Es lohnt sich, sich dort einmal umzuschauen – und dann die Geschichte nachzulesen. Auf dem Wiener Zentralfriedhof gibt es zum Beispiel auch eine Grabfläche, die an die Kindereuthanasie im Dritten Reich erinnert. Und nicht zuletzt sind die Grabmale berühmter Persönlichkeiten immer auch eine Einladung, sich mit dem Leben und Werk dieser Menschen zu beschäftigen.

Aber auch die ganz normalen Grabstätten laden mich persönlich immer dazu ein, über das Leben dieser Menschen nachzudenken.

Auf Familiengräbern finden sich oft Daten, die über mehrere Jahrhunderte zurückreichen. Ich frage mich dann immer, wie die Menschen, die zum Beispiel im Jahr 1805 verstorben sind, gelebt haben. Welche Ereignisse diese Menschen miterlebt haben – in diesem Fall die Französische Revolution und die Inthronisation Napoleons I.

Ich finde es immer spannend, mir solche Grabstätten anzuschauen und mir vorzustellen, wie das Leben in den vergangenen Jahrhunderten wohl gewesen sein mag.

Friedhöfe sind Orte des Andenkens – und sie sollten meiner Ansicht nach noch viel mehr Orte des Lebens werden. Mir persönlich fehlt die Lebendigkeit an deutschen Friedhöfen – wir sollten das Leben dort hereinbitten!

Wenn man sich zum Beispiel im europäischen Ausland umschaut, entdeckt man oft eine ganz andere Friedhofskultur. In Schweden zum Beispiel finden auf Friedhöfen Kulturveranstaltungen statt (natürlich in respektvollem Rahmen) – das kann man gut hier nachlesen.

Oder man blickt sich in der Welt um: In Mexiko zum Beispiel wird zum Dia de Los Muertes über drei Tage – vom 31. Oktober bis zum 2. November – auf den Friedhöfen das Leben der Toten gefeiert, mit Picknick und Musik und sehr, sehr farbenfroh.

Mir gefällt die Idee, das Leben gemeinsam mit den Toten zu feiern – und ich finde überhaupt nichts Gruseliges dabei!

Klar, man kann in Deutschland nicht plötzlich anfangen, auf Friedhöfen Partys zu feiern. Aber ich denke, dass ein bisschen mehr Lebendigkeit und ein bisschen weniger starre Vorschriften keine schlechte Idee sind.

Schlussendlich ist es doch so:
Wer das Leben verstehen will, sollte auf den Friedhof gehen.
Und wer den Tod verstehen will, sollte das Leben auf die Friedhöfe einladen.

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