
Der plötzliche Tod eines Menschen verändert alles – besonders, wenn es sich um ein Geschwister (Bruder oder Schwester) handelt. Doch während sich viele dem Schmerz der Eltern zuwenden, bleibt die Trauer der Geschwister oft leise, unsichtbar. In diesem Gespräch mit Trauerbegleiterin Karin Selzer erzählt Nina von dem Verlust ihres Bruders, von der Zeit danach – und davon, wie sie ihren Weg durch die Trauer gefunden hat.
Mein Bruder war Ende März 2014 auf dem Weg zu einer Motorradtour mit meinem Onkel und Cousin, als er von der Landstraße abkam und jede Hilfe zu spät kam.
Ich war an dem Tag bei den Eltern meines damaligen Partners, eine Stunde von meiner Heimat entfernt, als ich den Anruf von meiner Mutter erhielt. Darauf folgte ein primaler Schrei, ich habe für kurze Zeit mein Bewusstsein verloren, bis ich mich wieder auf der Couch fand und mein Partner und seine Eltern bei mir waren.
Mein erster Impuls war: „Ich muss sofort nach Hause.“ Wir haben unsere Sachen gepackt und sind losgefahren. Auf dieser gefühlt nicht enden wollenden Fahrt habe ich die ersten Anrufe erhalten und Nachrichten an meine Freunde geschickt.
Ich bin das mittlere von drei Kindern und wir Schwestern haben uns schon vor Kays Geburt sehr auf unser kleines Brüderchen gefreut. Er war unser Augapfel und wir Schwestern haben ihn immer beschützt, was uns bei seinem Unfall leider nicht gelungen ist. Er war vier Jahre jünger als ich, und mit seinem Tod ist meine Identität als große Schwester verloren gegangen. Und nicht nur die Identität ist verloren gegangen, sondern auch unsere gemeinsame Zukunft. Ich bin dankbar, dass ich noch meine Schwester habe, denn ich kenne auch Geschwister, die nach dem Tod ihres Bruders oder ihrer Schwester allein zurückgeblieben sind.
Gefühlt sind wir durch Kays Unfall noch enger zusammengewachsen, auch wenn wir davor schon eng verbunden waren. Den Platz, den er hinterlassen hat, kann keiner füllen, und sein Humor und seine Leichtigkeit fehlen. Über die Jahre hinweg haben sich insbesondere die Berufswege von uns drei Frauen, also meiner Mom, meiner Schwester und mir, verändert.
Die Menschen, die uns Geschwister zu dritt kannten und wussten, wie wir miteinander waren, haben gespürt, was es für meine Schwester und mich bedeutet, unseren Bruder zu verlieren.
Andere Außenstehende haben zunächst nach dem Befinden der Mutter gefragt und eventuell noch nach dem Vater. Aber selten nach uns Kindern.
Ich kann mich an eine Situation 2 bis 3 Tage nach Kays Unfall erinnern. Bekannte sind bei meinen Eltern zu Hause vorbeigekommen, um ihr Beileid zu bekunden. Meine Schwester und ich wurden mit einem normalen „Hallo“ begrüßt und zum Abschied mit einem „Mach‘s gut“ verabschiedet. Als ich damals bei einem Onlineportal nach Büchern über Geschwistertod gesucht habe, hatte ich genau einen Suchtreffer.
Meine Schwester und ich waren eine Einheit in dieser Zeit und haben viel organisiert und mitentschieden, als es um Trauerfeier, Beerdigung, Urnen- und Grabsteinwahl ging. Unseren Eltern war es auch wichtig, dass wir im Sinne von Kay mitentscheiden. 2014 haben wir dann eine gemeinsame USA-Reise gemacht, die meine Geschwister eigentlich zu zweit geplant und kurz vor Kays Tod gebucht hatten. Es wurde zu einer unvergesslichen Reise in der Erinnerung mit Kay. Über die Jahre hinweg hat allerdings jede von uns ihren eigenen Weg mit der Trauer gefunden. Manchmal gleich und manchmal auch unterschiedlich, wie Trauer eben ist – sehr individuell.
Als ich damals nach 5 Wochen in der Heimat nach München zurückgekehrt bin, war ich sehr dankbar für meine Freundschaften und auch meinen Partner. Er hat mir damals die Struktur gegeben, die ich gebraucht habe, um langsam wieder ins Leben zurückzufinden. Mich daran erinnert, zu essen, wenn ich wieder nichts essen konnte. Meine Freunde haben die großen Fragen an das Leben in unseren Gesprächen ausgehalten und mir den Space gegeben, den ich brauchte, um meinen Weg ohne meinen Bruder und doch irgendwo mit ihm zu finden. Andererseits habe ich mich auch bewusst von Menschen verabschiedet, die nicht mehr Teil dieser Reise sein konnten. Auch von engen Freunden.
Bereits in der ersten Woche nach Kays Tod habe ich angefangen, Bücher von Menschen zu lesen, die ähnliche Schicksale erlebt haben. Ich musste vieles erst einmal mit dem Verstand begreifen und mit eigenen Augen sehen. Wir waren bei den Ersthelfern, beim Schrottplatz, bei der Polizei, um die letzten Sachen abzuholen, und wir durften ihn ein letztes Mal sehen und in den Sarg umbetten. Nach 5 Wochen bin ich wieder Vollzeit arbeiten gegangen, weil es auch erwartet wurde, denn Projekte warteten. Das gab mir Struktur, bei gleichzeitiger Existenz einer großen Leere.
Ja, in den ersten Wochen war es durch den Schockzustand schwer, Schlaf zu finden. Das Nervensystem ist in Hochbetrieb und Dauer-Alarmzustand. Ich konnte kaum noch essen und habe meinen Körper eher steif und innerlich taub wahrgenommen.
Was mir damals enorm geholfen hat, war Yoga, um wieder meinen Körper zu spüren, und viel Zeit in der Natur. Außerdem habe ich mit einem Coach meine Trauer bearbeitet und auch viel mit meinen Freunden und meiner Familie gesprochen.
Ja, in meinem Job auf jeden Fall. Kurze Zeit, nachdem mein Bruder verstorben war, habe ich als Elternzeitvertretung mit damals 27 Jahren mein Team übernommen. Da war wenig Schonzeit zwischendrin.
An meinem letzten Geburtstag, als er noch auf der Erde war, hat er mir ein Foto von einem Regenbogen geschickt. Sobald ich heute einen Regenbogen sehe oder geschickt bekomme, ist das ein Zeichen von ihm, dass er mir nah ist. Ansonsten waren wir uns sehr ähnlich. Wir haben die gleichen Vorlieben beim Essen und lieben eine heiße Badewanne.
Bildquelle: Nina Bohnert

Mein Elternhaus, aber auch viele Orte in München, die wir gemeinsam besucht haben, haben eine besondere Bedeutung für mich. Musik ist ein großer Teil unseres Lebens, ob Genesis, Coldplay oder RnB – sie verbindet mich sehr mit ihm. Sowohl am Geburtstag als auch am Todestag kommt in der Heimat meine Familie zusammen. Bisher war ich beim Todestag immer dabei, bei den Geburtstagen des Öfteren an schönen Orten dieser Welt, um ihn zu feiern.
Ich glaube, meine Trauer hat sich verändert, als ich diese tiefe innere Leere und Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber überwinden konnte und das erste Mal wieder von innen heraus gelacht habe. Und gleichermaßen verstanden habe, dass Trauer und Freude nebeneinander koexistieren dürfen.
Mittlerweile habe ich verstanden, dass viele Menschen keinen guten oder gar keinen Kontakt zu ihren Geschwistern haben. Das, was wir hatten, war und ist besonders, und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und noch immer machen darf. Viele Menschen gehen nach wie vor davon aus, dass Geschwister nicht so stark trauern müssen wie die Eltern. Dabei müssen sie genauso ihren Weg mit der Trauer und ohne ihren Geschwisterteil finden, wie die Eltern ihr Leben ohne ihr Kind neu lernen müssen.
Ich hatte tatsächlich vor zwei Jahren eine Anfrage von einer jungen Frau, die gerade erfahren hatte, dass ihre Schwester nur noch wenige Wochen zu leben hat. In der Trauer gibt es keine Abkürzung. Du kannst versuchen, sie zu verdrängen, aber sie wird sich immer wieder ihren Weg suchen. Lasse alle Emotionen zu – ob Wut, Trauer, Enttäuschung, Scham, Freude – alle haben ihre Berechtigung. Und suche dir jemanden, der dich auf diesem Weg begleitet.
Es gibt ein Zitat von meinem Lieblingsdichter Rumi, den ich nach Kays Tod entdecken durfte:
„Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eintritt“.
Kay hat zu seinen Lebzeiten so viel Licht auf diese Welt gebracht. Dieses Licht möchte ich durch meine Arbeit vervielfachen und anderen Menschen bei der Heilung der Wunde helfen, damit am Ende etwas Schönes daraus entstehen darf. Mein Wissen und meine Erfahrungen teile ich in meinem Podcast „From The Soul“ und als holistischer somatischer Coach in meinem Healing Space in München und weltweit (www.soulstories.de).
Vielen Dank, liebe Nina, für deine Bereitschaft und Offenheit, deine Soul Story mit uns zu teilen! ❤️
Dieses Gespräch erinnert daran, dass Geschwisterliebe auch über den Tod hinaus eine starke Verbindung bleibt – nur in anderer Form.
Gemeinsam machen wir Trauer sichtbar und geben ihr den Platz, den sie verdient. Ob fachlich, privat oder als Unterstützer*in — hier ist Raum für Vernetzung und Engagement.
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Wir arbeiten mit Menschen und Organisationen zusammen, die Trauer nicht wegsortieren, sondern ihr Raum geben.
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