Hast du schon einmal etwas von der Reerdigung gehört? Im Folgenden erfährst du, was hinter dieser neuen Bestattungsform steckt, wie sie abläuft und welche Möglichkeiten sie Trauernden eröffnet.
Was ist die Reerdigung – wie funktioniert sie?
Bei einer Reerdigung wird der menschliche Körper innerhalb von 40 Tagen mithilfe von körpereigenen Mikroorganismen in fruchtbare Erde umgewandelt. Dies geschieht in einem Kokon, einem speziell ausgestatteten, sargähnlichen Behältnis, das mit einem pflanzlichen Substrat gefüllt wird. Darauf wird der Körper der verstorbenen Person sanft gebettet – wie auf ein letztes Bett aus Heu und Stroh.
Nach der Einbettung wird der Kokon verschlossen und kontinuierlich mit Sauerstoff versorgt. Eine langsame, automatisierte Wiegebewegung sorgt dafür, dass Sauerstoff und Feuchtigkeit gleichmäßig verteilt werden. So können die Mikroorganismen den Körper behutsam in Erde umwandeln.
Nach etwa 40 Tagen wird die entstandene Erde entnommen und zusammen mit den verbliebenen Knochen gemahlen – ein Prozess, der dem Vorgehen im Krematorium ähnelt. Anorganische Bestandteile wie medizinische Implantate werden dabei entfernt. Die in ein Reerdigungstuch gehüllte Erde wird anschließend dem Bestattungsinstitut übergeben und nach den Wünschen der Angehörigen auf dem ausgewählten Friedhof in der aktiven Bodenschicht beigesetzt.
Welche Chancen bietet die Reerdigung den Trauernden?
Die Themen Sterben, Tod und Trauer lösen in uns häufig eine große Unsicherheit aus. Bekannte und wohl vertraute Rituale können uns in dieser Situation Halt und Orientierung geben. Die Reerdigung als eine neue Bestattungsform bietet aber auch die Chance, Rituale neu zu denken, zu interpretieren oder gar zu entwickeln.
Die Einbettung als berührender Abschiedsmoment Eine Angehörige beschreibt diesen Moment so: „Es tat sehr gut, gemeinsam am Kokon Abschied von unserer lieben Frau, Schwester, Tochter und Freundin zu nehmen und ihr noch einmal ganz nahe zu sein. Wir betteten sie vorsichtig auf das Heu und Stroh – wie ein Kind, das man ins Bett bringt. Dann standen wir gemeinsam um den Kokon und deckten sie mit pflanzlichem Material zu. Während ihrer langen Krankheit fühlte ich mich oft ohnmächtig. Jetzt mit den eigenen Händen etwas für sie tun zu dürfen, empfand ich als sehr tröstlich. Abschließend legten wir noch leuchtendes Herbstlaub und duftende Kräuter, gekrönt von ihrer Lieblingsblume in den Kokon. So begann ihre letzte Reise.“
40 Tage des Übergangs – bewusst erlebte Zeit Der Zeitraum der Reerdigung kann je nach Person lang oder genau richtig erscheinen. Viele Angehörige nutzen ihn bewusst als geschützten Raum für ihre Trauer. Eine Hinterbliebene beschreibt ihn rückblickend als Segen: „In dieser Zeit konnte ich mich ohne Druck und Eile von meinem Mann verabschieden.“1
Rituale gestalten: Das Reerdigungstuch Eine Möglichkeit, sich in kreativer Art und Weise zu verabschieden, ist die Gestaltung des Tuches, in das die Erde nach erfolgter Reerdigung eingeschlagen und auf dem Friedhof beigesetzt wird. Manche Familien bemalen das Tuch mit persönlichen Motiven, andere gestalten es durch bunte Handabdrücke, eine weitere Familie bestickte das Tuch kunstvoll. So wird der kreative Prozess selbst zum Symbol der Transformation und das Tuch zum Ausdruck der Persönlichkeit der verstorbenen Person oder der Liebe und Trauer der Hinterbliebenen.
Dazu eine Angehörige: „Die Entschleunigung dieser Bestattungsart hat mir in meiner Trauerbewältigung sehr geholfen. In dieser Zeit hatten wir die Möglichkeit, das Tuch, in dem die Erde eingeschlagen wurde, zu gestalten. Wir malten einen Lebensbaum. Jeder hat sich mit einem Handabdruck als Blatt des Baumes auf dem Tuch verewigt. So konnten wir gemeinsam intensiv trauern und viele schöne Geschichten austauschen. Der Gedanke, dass mein Mann durch das Tuch, von all seinen Lieben umarmt, seine letzte Ruhe findet, war unheimlich tröstend.“2
Neue Rituale, kulturelle Bezüge und der Kreislauf des Lebens Selbstverständlich können auch andere, ganz neue und persönliche Rituale in dieser Zeit entwickelt werden, zum Beispiel im Rahmen einer guten Trauerbegleitung. Tatsächlich spielt die Zahl 40 in vielen Kulturen und Religionen eine besondere symbolische Rolle und steht für Transformation, Übergang und Erneuerung – ein möglicher Anknüpfungspunkt für die Trauerarbeit.
Ein weiterer, trauerpsychologischer Aspekt der Reerdigung ist die Idee, dass sich der Kreislauf des Lebens wieder schließt, wenn wir wieder eins mit der Natur werden. Auch aus der christlichen Bestattungsliturgie kennen wir die Formel “Erde zu Erde”. Für viele naturverbundene Menschen ist der Gedanke tröstlich, dass die Nährstoffe aus der Erde der Pflanzenwelt und damit künftigen Generationen zugutekommen. Ein Leben geht zu Ende, aber neues Leben erwächst. Mich erinnert dies immer an Theodor Fontanes Herrn von Ribbeck, der seine Nachkommen auch über seinen Tod hinaus noch mit saftigen Birnen versorgt.
Persönliche Abschiednahmen im Einklang mit den eigenen Werten, ein bewusster, entschleunigter Raum für Trauer und Trost durch die Verbundenheit mit der Natur – diese Aspekte schildern auch An- und Zugehörige aus den USA, wo die “natural organic reduction” bzw. “terramation” bereits in mehreren Bundesstaaten praktiziert wird. Auf der diesjährigen “TerraCon”-Fachkonferenz in Tacoma/Washington, berichten sie über ihre Beweggründe, Erfahrungen und Empfindungen (abrufbar unter diesem Link).
Aktuelle Situation und Ausblick
Außerhalb der USA ist MEINE ERDE bisher der einzige Anbieter der Reerdigung. Hierzulande wird diese derzeit in Schleswig-Holstein als erstes Bundesland durchgeführt. Die Beisetzung der neuen Erde ist bereits auf Friedhöfen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern möglich.
Interesse an der Reerdigung gibt es aber bundesweit. So wurden bereits Verstorbene aus 12 verschiedenen Bundesländern reerdigt. Weil das für einige Menschen bedeutete, die letzte Ruhestätte nicht in Heimatnähe wählen zu können, setzt sich die Stiftung Reerdigung dafür ein, dass Reerdigungen bzw. die Beisetzung der neuen Erde in weiteren Bundesländern rechtlich zugelassen wird.
Zum Schluss noch die Worte einer Angehörigen, die ihren Wunsch so beschreibt:
„Ich wünsche mir, dass die Reerdigung bald allen Menschen in Deutschland ermöglicht wird. Für mich war der Abschied nicht nur sehr tröstlich. Auch ich möchte gerne einmal Erde selbst werden. Am liebsten damit ein Baum aus mir wachsen kann, in dem meine Enkel klettern.”
Gemeinsam machen wir Trauer sichtbar und geben ihr den Platz, den sie verdient. Ob fachlich, privat oder als Unterstützer*in — hier ist Raum für Vernetzung und Engagement.
Hinter diesen Beiträgen stehen echte Menschen – und echte Expert*innen. Viele selbst betroffen, alle mit Herz und Haltung. Wenn du magst: Schau vorbei. Vielleicht findest du genau die richtige Ansprechperson für dich.
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