
Am 11. September 2026 ist der Tag der wohnungslosen Menschen. Wohnungslosenverbände machen an diesem Tag gegen Wohnungsnot und für soziale Gerechtigkeit mobil.
Bei der Trauer Taskforce kommen wir – wie wohl der Großteil der Gesellschaft – selten mit Trauer wohnungsloser Menschen in Berührung. Und in unserem Eck der Welt können wir das Thema trotzdem aufnehmen – und wenigstens ein bisschen Sichtbarkeit leihen.
Petra Meyer im Gespräch mit Ute Hamann, Diplom-Pädagogin und Trauerbegleiterin, und als Sozialarbeiterin in der Wohnungslosenhilfe tätig (auf Instagram zu finden unter @hier.und.endlich https://www.instagram.com/hier.und.endlich).
Ich arbeite jetzt über 20 Jahre immer wieder in der Wohnungslosenhilfe und beschäftige mich genauso lange auch mit dem Themenkomplex Sterben, Tod und Trauer. Das lief lange scheinbar parallel, erst mit der Zeit habe ich die Berührungspunkte zwischen diesen beiden Themen gesehen. Denn auch wenn bei den Menschen, die ich in meiner Arbeit als Sozialarbeiterin unterstütze, vorrangig erstmal andere Themen da sind – beispielsweise eine Übernachtungsmöglichkeit für die nächsten Tage zu finden – so ist Trauer aufgrund ihrer Erfahrungen durchaus präsent.
Wohnungslosigkeit ist eine Folge von Verlusten. Ganz offensichtlich ist da natürlich der Verlust der Wohnung. Davor kann beispielsweise schon eine Scheidung stehen oder der Tod eines nahen Menschen. Aber auch der Verlust von körperlicher oder psychischer Gesundheit und der Verlust von Arbeit spielen häufig eine Rolle.
Menschen in diesen prekären Lebenslagen haben also schon eine Menge Erfahrung mit Trauer. Gleichzeitig hatten und haben sie oft keinen Zugang zu Unterstützungsmöglichkeiten in diesem Bereich, beispielsweise zu Trauerbegleitung. Das gilt erst recht, wenn jemand aus ihrem Umfeld stirbt.
Und manchmal treffen sie im Hilfesystem auf Mitarbeitende, die – wie so viele – zurückschrecken, wenn es um den Verlust von Menschen durch den Tod geht. Hier nachzufragen und dem Verlust Raum zu geben, kann einen großen Unterschied machen.
Das ist eine große Frage! Es fängt bei der unzureichenden Gesundheitsversorgung an, geht über einen erschwerten Zugang zu hospizlichen und palliativen Angeboten, zum Beispiel durch fehlende Krankenversicherung, bis zu den Bestattungen, und was das wiederum für die Trauer bedeutet.
Immer wieder sterben Menschen auf der Straße, weil die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe nicht so breit aufgestellt sind, dass sie für alle Menschen ein adäquates Angebot haben – Stichwort 6-Bett-Zimmer oder Notübernachtungen ohne Tagesaufenthalt. Ohne stationäre Anbindung ist wiederum ein Übergang in ein Hospiz wirklich schwierig. Aber auch das kann gelingen und gelingt immer wieder – bspw. durch Streetwork oder Anbindung an eine medizinische Ambulanz.
Viele wohnungslose Menschen werden ordnungsbehördlich bestattet. Das ist der Fall, wenn innerhalb einer kurzen Frist keine bestattungspflichtigen Angehörigen gefunden werden. Wie stark sich diese Bestattungen von anderen unterscheiden, ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Es kann bspw. bedeuten, dass die Trauerhalle nicht genutzt werden kann und die Urne und eventuelle Gäst*innen vor der Halle stehen müssen. Das hat natürlich auch eine Wirkung auf teilnehmende Zugehörige aus der Wohnungslosenszene: Sie sehen, was auch sie selbst erwartet und wie wenig sie auch nach ihrem Tod der Gesellschaft wert sind. Und leider ist es auch oft so, dass nahe Menschen der Verstorbenen, die nicht bestattungspflichtig sind, gar keine Kenntnis vom Tod und dem Zeitpunkt der Beisetzung bekommen. Hilfreich kann hier eine gute Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und der organisierenden Behörde sein.
Bei Kenneth Doka gibt es ja den Begriff der „aberkannten Trauer“, der das aus meiner Sicht sehr gut erklärt: Wohnungslosen Menschen wird ihre Trauer oft abgesprochen, wenn beispielsweise jemand aus demselben Personenkreis stirbt. Und auch, wenn sie Zugehörige zu betrauern haben, zu denen kein Kontakt mehr bestand.
Sicher spielt es auch eine Rolle, dass Wohnungslosigkeit immer noch oft als selbstverschuldet angesehen wird, und damit auch ihre Folgen. Und ein dritter Punkt: Wie das Thema Trauer ist auch das Thema Wohnungslosigkeit bei vielen Menschen mit Angst besetzt und man schaut nicht so gerne hin.
All das – zusammen mit vielen weiteren Risikofaktoren – kann die Trauer stark erschweren. Die Trauer von wohnungslosen Menschen ebenso wie die Trauer um sie.
Wohnraum für alle!
Und ein zweiter – sicher realistischerer – Wunsch wäre: niedrigschwellige und allen bekannte Angebote der Trauerbegleitung und der hospizlichen und palliativen Versorgung – gerade auch für Menschen in prekären Leben wie beispielweise in der Wohnungslosigkeit.
In einigen Städten klappt das mit der Vernetzung dieser Bereiche schon ganz gut. Diese gegenseitige Sensibilisierung kommt meiner Einschätzung nach nicht nur den Klient*innen bzw. Gäst*innen sehr zugute, sondern auch allen in diesen Bereichen arbeitenden Menschen. Und das darf noch wachsen. Wir arbeiten in zwei Bereichen, die für viele angstbesetzt sind und können doch wunderbar voneinander lernen und uns bereichern. Deshalb freut mich auch der heutige Austausch mit dir von der Trauer Taskforce sehr!
Gemeinsam machen wir Trauer sichtbar und geben ihr den Platz, den sie verdient. Ob fachlich, privat oder als Unterstützer*in — hier ist Raum für Vernetzung und Engagement.
Mach mit. Gestalte Veränderung mit uns.
Wir arbeiten mit Menschen und Organisationen zusammen, die Trauer nicht wegsortieren, sondern ihr Raum geben.
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